Ein Wasserbett Werbespot berichtet immer von den gleichen Dingen: Schlafen, wie auf Wolken, ohne Schmerzen, ohne Einschlafprobleme oder fehlendes Durchschlafen. Die Muskeln entspannen sich, der Körper kommt auf ideale Weise zur Ruhe. Keine Rückenschmerzen mehr, nie wieder Verspannungen im Nacken und das Wichtigste: Socken und Wolldecken gehören der Vergangenheit für immer an, denn das Wasserbett ist wohl temperiert, wenn man sich zum Schlafen hineinlegt. Im Prinzip stimmt dies alles auch, sonst würden sich nicht so viele Menschen dem Konfigurator im Internet widmen, um sich hier ein ideales Wasserbett zusammenzustellen und zu kaufen. Schon der Kauf im Internet ist problemlos – das neue Wasserbett die Erfüllung eines jeden Traumes. Wenn nicht… ja, wenn da nicht das Gewissen wäre, an dem nicht nur das eigene Leben mit all seinen Schwächen kratzt, sondern auch das Geschehen auf der Welt, das nicht wirklich dazu geeignet ist, um friedlich einzuschlafen und von tollen Dingen zu träumen.
Einen Teil der eigenen Probleme kann man auf den nächsten Tag verschieben. Sie belasten dann den Schlaf weder im Wasserbett noch auf einer Luftmatratze. Das sind Erledigungen, der Arbeitsplatz: Hier sind die Gedanken schnell beschwichtigt. Schon eher den Schlaf behindern können finanzielle Sorgen, je größer sie sind, umso schlechter schläft man auch. Dann aber gibt es Nachrichten aus den Zeitungen, aus dem Fernsehen, aus dem Internet – man bekommt natürlich auch über Gespräche mit Freunden und Bekannten mit, was auf der Welt so vor sich geht. Kann man wirklich gut einschlafen und sorglos traumlos oder von schönen Dingen träumend im Wasserbett liegen, während irgendwo auf der Welt ein Baby verhungert? Vielleicht sogar, weil sich angebliche Hilfsorganisationen selbst helfen, statt den Menschen, die es bitter nötig hätten? Von der Südsee träumen, gut und schön – doch immer wieder wird man vom Terrorismus mit all seinen politischen und menschenrechtlichen Folgen wachgerüttelt. Wer hätte sich vor dem 11. September, mittlerweile ein Jahrzehnt her, gedacht, dass es auf einem Flughafen einen Nacktscanner geben würde? Klar, hier regen sich die Fluggäste auf – doch bei den Ängsten, die man vor dem Terror auf der Welt, verursacht durch ein Aneinander-Reiben der Kulturen und Religionen, haben muss, kann auf solche Maßnahmen eben nicht verzichtet werden.
Kalt bleiben angesichts der Menschenrechtsverletzungen?
Wer es wirklich schafft, bei all den täglich geschehenden Grausamkeiten unberührt zu bleiben, ist eigentlich zu beneiden. Dort ein sexueller Missbrauch an einem kleinen, unschuldigen Kind, hier ein Ehrenmord an einer ganz normalen Jugendlichen, begangen von ihrem Bruder, der den deutschen Freund nicht tolerieren wollte. Das ist noch nicht genug; im Betrieb gab es das Gerücht, dass der Chef sich den weiblichen Azubi ins Bett erpresst hat, gedroht hat, wenn das Mädchen nicht mit ihm schlafe, würde es die Kündigung erhalten: Plötzlich sind Menschenrechtsverletzungen so nah, dass man sie greifen kann. Dann führt auch kein Weg mehr daran vorbei, diese Gedanken mit in das Wasserbett zu nehmen. Statt ruhig und friedlich einzuschlafen, liegt man eine Stunde oder länger wach, denkt darüber nach, wie es wäre, auf Billigimport Waren zu verzichten, um damit die Kinderarbeit vielleicht zu dezimieren – eingehüllt in Bettwäsche aus Baumwolle, deren Material aus einer Plantage kommt, auf der genau dieses Problem vorherrscht: Ausgebeutete, geschundene Kinder, die 16-Stunden Schichten unter härtesten Bedingungen leisten und kaum entlohnt werden. Gleichgültig, das sollte niemand sein. Wer sich in einem Online Shop ein Wasserbett bestellt, hat auch das Recht auf guten Schlaf und entspannte Muskeln. Die so gewonnene Kraft sollte aber wenigstens ein Stückweit dazu verwendet werden, zu ändern, was man ändern kann. Was das genau ist, kann niemand vorschreiben, doch schon kleine Schritte eignen sich, die Welt ein winziges bisschen besser zu machen.